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STRG_F Undercover: Wie Drogendealer Instagram und Telegram nutzen
30. April 2026

STRG_F Undercover: Deutschlands Drogenhandel läuft über Instagram und Telegram

5 Min. Lesezeit
Inhalt

Ein Klick auf ein Instagram-Profil — Ästhetische Bilder, kryptische Emojis, ein DM-Link. Wer weiß, wie er schauen muss, findet dort keinen Lifestyle-Account, sondern einen Drogenmarktplatz. STRG_F, das investigative Reportageformat von NDR und funk, hat diesen digitalen Schwarzmarkt monatelang undercover recherchiert. Das Ergebnis: Dealer nutzen Instagram, Telegram und das Darknet so professionell, dass klassische Strafverfolgung kaum mitkommt.

Was ist STRG_F — und wie arbeiten sie?

STRG_F steht für "Suchen und Finden" — und genau das ist das Programm. Das Format gehört zu funk, dem gemeinsamen Digitalangebot von ARD und ZDF für ein junges Publikum, und wird vom NDR produziert. Hinter STRG_F steckt ein Team investigativer Journalist:innen, die undercover recherchieren: gefälschte Profile, verdeckte Identitäten, monatelange Infiltration von Netzwerken.

Der YouTube-Kanal hat mehrere Millionen Abonnenten. Videos über Drogenhandel, Vergewaltigernetzwerke auf Telegram oder Darknet-Kriminelle erreichen regelmäßig mehrere Millionen Aufrufe. Die Methode: nah dran, belegt, ohne Aufbauschung — journalistische Handarbeit in digitalen Räumen, die Behörden oft schwer erreichen.

Instagram als offener Drogenbasar: So kodieren Dealer

Als STRG_F für die Reportage "Gras, Lean, Ecstasy: Drogendeals auf Instagram" recherchierte, brauchte das Team keine speziellen Kenntnisse. Die Dealer-Accounts sind öffentlich zugänglich — verschlüsselt nur durch eine eigene Emoji-Sprache, die jeder innerhalb weniger Minuten entschlüsseln kann.

Ein Blatt-Emoji steht für Cannabis, eine Pille für Ecstasy, eine Schneeflocke für Kokain. Statt Preisen stehen Zahlen in Bio-Texten, Kommentare werden gelöscht, alles läuft über Direct Messages. Die Accounts präsentieren sich wie normale Lifestyle-Seiten — mit Musikvideos, Streetstyle-Bildern, Party-Content.

STRG_F bestellte testweise bei zehn verschiedenen Accounts — die Medizinische Hochschule Hannover testete die gelieferten Substanzen. Bestätigt wurden: Cannabis, Ketamin, Ecstasy, Diazepam, Lean (Codein-Sirup), das Hustenmittel Makatussin sowie Morphin. Die Drogen waren echt und wirksam. Von zehn Accounts löschte Instagram nach Meldung durch STRG_F lediglich zwei — die anderen acht blieben aktiv.

"Auf Instagram werben Dealer für Drogen. Aber nicht jeder, der dort anbietet, hat auch wirklich etwas — viele sind Betrüger."

— STRG_F, Recherche "Gras, Lean, Ecstasy: Drogendeals auf Instagram" (NDR/funk, 2020)

Telegram: Der öffentliche Drogenmarktplatz ohne Zugangshürde

Während Instagram zumindest theoretisch Accounts sperren kann, ist Telegram für Dealer noch attraktiver: Kanäle und Gruppen sind öffentlich auffindbar, das Sperren von Inhalten durch den Betreiber findet kaum statt. Journalisten von STRG_F und VICE haben Telegram-Gruppen dokumentiert, in denen Crystal Meth, MDMA, Heroin und Cannabis offen mit Preislisten angeboten werden.

Das BKA hat 2020 reagiert und mehrere Telegram-Gruppenräume mit Drogen- und Waffenhandel aufgelöst. Das Problem: Für jeden gesperrten Kanal entstehen neue. Die Dezentralisierung macht Telegram zu einem kaum kontrollierbaren Handelsraum. STRG_F-Reporter bestellten in einem MDMA-Kauftest innerhalb weniger Tage erfolgreich über einen öffentlich zugänglichen Telegram-Kanal.

Darknet vs. Clearnet: Zwei Welten, ein Markt

Parallel zum offenen Handel auf Instagram und Telegram existiert das Darknet — und dort läuft der professionelle, volumenstärkere Teil des digitalen Drogenhandels. STRG_F hat in der Doku "Drogen, Phishing, Malware: Wie Herman X. das Darknet eroberte" den Fall eines Mannes rekonstruiert, der vom kleinen Dealer zum Betreiber des zweitgrößten Darknet-Drogenmarkts der Welt aufstieg.

Der Cyberbunker in Traben-Trarbach an der Mosel — ein ehemaliger NATO-Bunker — diente als Server-Standort für einen Darknet-Marktplatz, über den Drogen in industriellem Maßstab gehandelt wurden. Tausende Kriminelle aus aller Welt nutzten die Infrastruktur. 2019 hob das BKA den Bunker mit internationaler Unterstützung aus.

Plattform Typische Drogen Verfügbarkeit Risiko Käufer Preisniveau
Instagram Cannabis, Lean, MDMA, Kokain Sehr hoch — Accounts öffentlich Hoch: Betrug, Streckmittel, Hausdurchsuchung Straßenpreis ± 10%
Telegram MDMA, Crystal, Heroin, Cannabis Hoch — öffentliche Kanäle Mittel: Weniger Betrug, mehr Qualitätsrisiko Leicht unter Straßenpreis
Darknet Alle Substanzen, Großmengen Hoch für Eingeweihte Niedrig-mittel: Anonymer, aber Strafverfolgung aktiv Großhandelspreise
Straße Cannabis, Kokain, Crack, Heroin Mittel — lokale Verfügbarkeit Sehr hoch: Körperverletzung, Raub, unkontrollierte Qualität Hoch (Risikoaufschlag)

Was Käufer und Dealer riskieren

Der digitale Drogenmarkt wirkt niedrigschwellig — aber die Risiken sind real und unterschätzt. Für Käufer auf Instagram ist Betrug das häufigste Problem: Dealer kassieren Bitcoin, liefern nichts. Wer tatsächlich eine Lieferung bekommt, riskiert gestreckte Substanzen — Ecstasy wird mit Streckmitteln bis hin zu toxischen Beimischungen verkauft, Cannabis mit Quarzsand oder Bleigranulat beschwert.

Auf der rechtlichen Seite: Der Kauf illegaler Drogen ist strafbar, unabhängig vom Kanal. Wer über Instagram oder Telegram bestellt, hinterlässt digitale Spuren — Metadaten, Zahlungsströme, IP-Adressen. Das BKA hat in mehreren Operationen genau diese Spuren genutzt, um Käufer- und Verkäufernetzwerke auszuheben.

Für Dealer ist die Gefahr ebenfalls unterschätzt: Plattform-Algorithmen erkennen bestimmte Muster, Mitbewerber denunzieren Konkurrenten, und verdeckte Ermittler des LKA sind regelmäßig in denselben Gruppen aktiv, die öffentlich erreichbar sind. 2024 nahm das BKA mehrere mutmaßliche Online-Drogenhändler fest — die Ermittlungen begannen laut BKA mit öffentlich zugänglichen Social-Media-Profilen.

Was BKA und LKA tun — und wo die Grenzen liegen

Das BKA veröffentlicht jährlich das Bundeslagebild Rauschgiftkriminalität. 2023 wurden in Deutschland 346.877 Drogendelikte erfasst — ein Anstieg von 1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Kokain-Delikte stiegen um 27,4 Prozent auf einen neuen Rekord, die Sicherstellungsmengen verdoppelten sich auf rund 43 Tonnen.

2024 identifizierte das BKA 43 Darknet-Marktplätze mit Deutschland-Bezug. Der Trend geht weg von wenigen großen Plattformen hin zu vielen kleinen, dezentralisierten Märkten — was die Strafverfolgung systematisch schwerer macht. 47 kriminell genutzte Kryptowährungs-Dienste wurden 2024 abgeschaltet.

Das strukturelle Problem: Für jeden gesperrten Instagram-Account, jeden aufgelösten Telegram-Kanal, jeden ausgehobenen Darknet-Marktplatz entstehen innerhalb von Stunden Nachfolger. Die Plattformbetreiber stehen unter gesetzlichem Druck — Instagram meldete, zwischen Januar und März 2020 rund 1,3 Millionen Drogenhandels-Inhalte entfernt zu haben, 95 Prozent davon proaktiv. Dennoch: STRG_F fand diese Accounts innerhalb von Minuten.

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