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Xatar Interview: Hrrr, Interpol, Beefs & Business Moves
5. Mai 2026

Xatar im großen Interview: Neuer Sound, Interpol-Storys, Rapper-Beefs und seine Business-Moves

9 Min. Lesezeit
Inhalt

Xatar sitzt nicht einfach für ein Interview. Er nimmt den Raum ein. Der Mann, der aus dem irakischen Bürgerkrieg floh, in deutschen Knästen verschwand, einen Goldraub orchestrierte und trotzdem – oder genau deswegen – zu einer der prägendsten Figuren des deutschen Rap wurde, hat wieder etwas zu sagen. „Hrrr" ist mehr als ein Ausruf, es ist ein Lebensgefühl, eine Ansage, ein Statement. Und wer denkt, Giwar Hajabi macht jetzt auf brave Businessmän und vergisst, woher er kommt, der kennt Xatar nicht.

Hrrr – Woher kommt der neue Sound?

Zwischen Straße und Studio: Die Energie hinter dem Album

„Hrrr" klingt roh, direkt, ohne Schminke. Xatar beschreibt den Entstehungsprozess im Interview so, als h��tte er das Album nicht gemacht – es sei einfach rausgekommen. Keine endlosen Label-Meetings, kein Marktforschungs-Bullshit. Wer seine früheren Projekte kennt, hört sofort: hier ist jemand, dem egal ist, ob er in die Radiocharts passt. Der Sound verbindet osteuropäische Einflüsse mit 808-Bässen, die den Brustkorb vibrieren lassen, und Texten, die sich anfühlen wie Verhörprotokolle aus dem echten Leben.

Was auffällt: Xatar hat die Produktionsweise komplett umgestellt. Statt monatelanger Sessions in teuren LA-Studios entstanden Tracks teilweise an einem Nachmittag, spontan, ohne Überproduktion. Das ist eine bewusste Entscheidung gegen die Hochglanz-Ästhetik, die den deutschen Rap gerade überflutet. „Hrrr" setzt auf Authentizität als Währung – und die hat Xatar in rauen Mengen.

"Ich mache keine Musik für Leute, die mich nicht kennen wollen. Ich mache Musik für die, die wissen, was Hrrr bedeutet – das ist ein Gefühl, kein Wort."

Features, Kollaborationen und die Frage der Loyalität

Features auf einem Xatar-Album sind keine Gefälligkeiten. Jeder, der mitgemacht hat, wurde persönlich angefragt – kein Manager-E-Mail-Ping-Pong. Das Prinzip dahinter ist einfach: Wer auf einem Xatar-Track ist, hat das verdient oder ist ein echter Freund. Wer beides nicht ist, bleibt draußen. Diese Haltung trennt ihn von 90 Prozent der Rap-Industrie, wo Features heute primär als Streaming-Boost-Strategie funktionieren.

Das Thema Loyalität zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Gespräch. Xatar ist jemand, der sehr genau weiß, wer in schwierigen Zeiten da war – und wer plötzlich nicht mehr abgenommen hat. Diese Erfahrungen fließen direkt in seine Texte ein, ungefiltert und messerscharf.

Cannabis als kreativer Kontext – die Hotbox-Kultur im deutschen Rap

In der deutschen Rap-Szene ist Cannabis seit Jahrzehnten mehr als eine Freizeitbeschäftigung – es ist Bestandteil einer kulturellen Sprache. Wer das bezweifelt, soll sich mal Texte aus den letzten 20 Jahren anschauen. Xatar ist dabei kein Propagandist, aber auch kein Moralapostel. Er sieht Cannabis als Teil eines Lebensstils, der ehrlich ist. Kein performativer Luxus, keine Krypto-Bros mit Joints fürs Foto – sondern echte Entspannung nach echten Problemen.

In diesem Kontext lohnt sich ein Blick auf andere Stimmen aus der Szene: Greeen sprach in unserem Hotbox-Interview offen über Cannabis und Hip-Hop, genauso wie King Khalil in seinem Hotbox-Interview über Kultur und Konsum. Die Linie ist dieselbe: Cannabis ist Teil einer Subkultur, die sich nie um Erlaubnis gefragt hat.

Interpol, Goldraub und die Stories, die niemand vergisst

Was wirklich passiert ist – und was die Medien daraus gemacht haben

Der Goldraub auf der A3, der Interpol-Haftbefehl, die Jahre in der JVA Schwalmstadt – das sind keine Rap-Metaphern, das ist Dokumentation. Xatar war auf der Interpol-Fahndungsliste, eine Tatsache, die in der deutschen Medienlandschaft entweder sensationalisiert oder komplett falsch dargestellt wurde. Im Interview räumt er mit mehreren Missverständnissen auf: Nein, er hat sich nie als Gangster inszeniert – er hat das Leben beschrieben, das er kannte. Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Die Verfilmung des Goldraubs hat diese Geschichte einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Was im Film dramatisiert wurde und was tatsächlich so ablief, ist ein eigenes Thema – aber Xatar lacht dabei eher als dass er sich aufregt. „Der Film ist Entertainment", sagt er. Das Buch ist die Wahrheit. Wer mehr über den Film und die dahinterstehende Story erfahren will, sollte sich unseren Artikel über Xatar, den Goldraub-Film und Cannabis-Deals ansehen.

Knast, Reflexion und der Weg raus

Mehrere Jahre Gefängnis hinterlassen Spuren – nicht nur psychologisch, sondern auch in der Art, wie man die Welt danach wahrnimmt. Xatar beschreibt die Haftzeit nicht mit Selbstmitleid, sondern mit einer bemerkenswerten Nüchternheit. Der Knast war eine Schule. Keine angenehme, aber eine effektive. Er hat dort Bücher gelesen, Konzepte entwickelt, Business-Pläne geschrieben – auf Zellenpapier, ohne WLAN, ohne LinkedIn.

Diese Erfahrung erklärt auch, warum er Dinge heute anders bewertet. Freiheit ist kein abstraktes Konzept mehr. Und das schließt die Debatte um persönliche Freiheiten ein – wie etwa den freien Umgang mit Cannabis, einem Thema, das in der deutschen Politik gerade eine historische Wende erlebt. Die Diskussion zwischen Sido und Karl Lauterbach zur Cannabis-Legalisierung trifft genau diese Nerve.

Station Bedeutung für Xatars Karriere Resultat
Flucht aus dem Irak Prägung durch Überlebensmodus Unnachgiebige Mentalität
Goldraub / Interpol Medialer Aufstieg als Mythos Kultstatus in der Szene
JVA Schwalmstadt Musikproduktion und Konzeptentwicklung Buch, Label, Comeback
Haftentlassung & Labelgründung Alo Wermelho als Plattform Unabhängigkeit vom Mainstream
Hrrr-Ära Neuer Sound, gereiftere Perspektive Relevanz in zweiter Generation

Rapper Beefs: Wann ist ein Konflikt real und wann ist er Marketing?

Xatar kennt den Unterschied. Er war in echten Konflikten – nicht in Twitter-Beefs, nicht in Instagram-Story-Dramen. Wenn er über Auseinandersetzungen in der Szene spricht, dann mit einer Portion Müdigkeit, die zeigt: das interessiert ihn weniger als vor zehn Jahren. „Wenn zwei Rapper streiten und beide danach mehr Streams haben, war das kein Beef – das war ein Promo-Deal", sagt er mit einem halben Lächeln.

Trotzdem: Er drückt sich nicht um klare Aussagen. Wer ihm gegenüber unehrlich war, weiß das. Wer seinen Namen ohne Erlaubnis in den Mund genommen hat, hat eine Reaktion bekommen – oder wartet noch darauf. Xatar lebt nach einem simplen Prinzip: Respekt ist keine Einbahnstraße, und wer damit anfängt, sie zu verengen, sollte sich nicht wundern, was auf der anderen Seite wartet.

Business Moves, SSIO und die Zukunft von Alo Wermelho

Das Label als Lebenswerk, nicht als Exit-Strategie

Alo Wermelho ist kein Hobby-Label. Xatar hat damit eine Infrastruktur aufgebaut, die komplett unabhängig funktioniert – ohne Major-Deals, ohne Konzern-Rückhalt, ohne die Kompromisse, die damit einhergehen würden. Das ist in einer Industrie, die von Konsolidierung und Plattform-Macht dominiert wird, eine radikale Entscheidung.

Die Zahlen sprechen für sich: Xatar hat mit Alo Wermelho mehrere Künstler aufgebaut, die heute eigenständig funktionieren. Das Modell basiert nicht auf 360-Grad-Deals, bei denen das Label an Merch, Touring und Nebeneinkünften mitschneidet. Stattdessen: klare Vereinbarungen, transparente Splits, echte Förderung. Das klingt nach Idealismus, ist aber auch strategisch smart – Künstler, die sich fair behandelt fühlen, liefern bessere Ergebnisse.

"Ein Label ist entweder eine Familie oder eine Falle. Ich habe beide Varianten erlebt. Bei Alo Wermelho bauen wir keine Fallen."

SSIO: Was kommt, was bleibt und warum das Album wichtig ist

SSIO ist für viele die künstlerische Seele von Alo Wermelho. Der Stuttgarter hat einen Sound entwickelt, der polarisiert – und genau das macht ihn interessant. Im Interview spricht Xatar über das Verhältnis zu SSIO mit echter Wärme, aber auch mit dem Respekt zweier Menschen, die voneinander wissen, wie viel Substanz der jeweils andere hat. Das geplante Album ist nach Xatars Aussagen mehr als eine Platte – es ist ein Statement über den Zustand des deutschen Rap.

Was zu erwarten ist: dichte Texte, unerwartete Produktionen, keine Kompromisse für Radiokompatibilität. Wer SSIO kennt, weiß, dass er sich nie verbiegen lässt. Wer ihn noch nicht kennt, sollte das schleunigst ändern – bevor das Album kommt und der Hype einsetzt.

Cannabis, Business und das große Bild: Warum die Legalisierung auch eine ökonomische Frage ist

Xatar ist kein Cannabis-Aktivist im klassischen Sinne. Aber er ist jemand, der die wirtschaftlichen Mechanismen hinter dem Schwarzmarkt aus nächster Nähe kennt. Die Legalisierungsdebatte in Deutschland ist für ihn nicht primär eine moralische Frage – sie ist eine ökonomische. Solange Cannabis illegal ist, verdient der Schwarzmarkt. Solange der Schwarzmarkt verdient, fließt Geld in Strukturen, die niemand regulieren kann.

Die pharmakologische Realität ist dabei klar: Cannabis wirkt primär über das Endocannabinoid-System, speziell über CB1-Rezeptoren im zentralen Nervensystem und CB2-Rezeptoren im Immunsystem. THC als partieller Agonist an CB1-Rezeptoren erzeugt die psychoaktiven Effekte; CBD moduliert ohne direkten Agonismus. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) reguliert den medizinischen Zugang, aber die Realität auf der Straße hat damit wenig zu tun.

Studien der EMCDDA (European Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction) zeigen, dass Cannabis mit Abstand die meistkonsumierte illegale Substanz in Europa bleibt – mit einem geschätzten Marktvolumen von mehreren Milliarden Euro jährlich. Wer dieses Geld in den regulierten Markt holen will, braucht kluge Politik – und Stimmen aus der Praxis.

Xatar ist eine dieser Stimmen, auch wenn er sie selten so direkt formuliert. Stattdessen lebt er vor, was er meint: ein Unternehmer, der aus dem Nichts etwas aufgebaut hat, der die Regeln des Systems kennt und trotzdem eigene Regeln aufstellt. Was dabei mit Cannabis zusammenhängt? Mehr als viele Politiker zugeben würden. Die Verbindung zwischen Cannabis als Big Business und der grünen Industrie ist real und wächst.

Wer die Dynamik zwischen Rap-Kultur und illegalen Märkten verstehen will, sollte auch einen Blick auf wie Drogendeals über Instagram und den Schwarzmarkt funktionieren werfen. Das ist kein Sensationalismus – das ist Realität, die Xatar nie geleugnet hat.

Abseits der persönlichen Geschichte gibt es einen wissenschaftlichen Kontext, der oft fehlt: Laut einer Übersichtstudie auf PubMed zur Neurobiologie des Endocannabinoid-Systems moduliert das System Stress, Belohnung, Schmerz und Angst – also exakt jene Mechanismen, die in Extremsituationen (Flucht, Inhaftierung, sozialer Stress) überaktiviert werden. Cannabis als Selbstmedikation in solchen Kontexten ist nicht irrational – auch wenn die legale Rahmenbedingung das lange ignoriert hat.

Das Interview mit Xatar ist letztlich mehr als ein Rap-Format. Es ist ein Dokument über einen Menschen, der das deutsche System von allen Seiten erlebt hat – als Flüchtling, als Krimineller laut Akte, als Häftling, als Unternehmer. Und der daraus keine Victimhood gebaut hat, sondern ein Business. Respekt ist das Mindeste. Und „Hrrr" – das versteht man jetzt vielleicht besser.

Mehr Interviews dieser Art findest du direkt im Zum interview-Channel – mit deutschen und internationalen Rappern, Aktivisten und Persönlichkeiten, die Cannabis-Kultur und Popkultur zusammendenken.

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