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Xatar & Samy: Der Goldraub aus zwei Perspektiven
5. Mai 2026

Xatar & Samy im Interview: Der spektakuläre Goldraub aus zwei Perspektiven erzählt

9 Min. Lesezeit
Inhalt

Ein Goldraub, der deutschen Rap-Geschichte schrieb. Zwei Männer, eine Geschichte – aber aus völlig verschiedenen Blickwinkeln. Als Xatar und Samy Deluxe im gemeinsamen Throwback-Interview zusammensitzen und über den spektakulärsten Raubüberfall der deutschen Rap-Geschichte reden, spürt man sofort: Hier sitzen keine Entertainer, die eine Anekdote verkaufen. Hier sitzen zwei Männer, die wissen, was auf dem Spiel stand – Freiheit, Leben, alles. Was dabei herauskommt, ist eines der ehrlichsten und aufwühlendsten Gespräche, die die deutsche Hip-Hop-Szene je produziert hat.

Der Goldraub: Was wirklich passierte

Die Tat – Xatars Version

Giwar Hajabi, bekannt als Xatar, ist kein Mann, der Dinge halbherzig angeht. Wer seine Musik kennt, weiß das. Wer seine Biografie kennt, weiß es noch besser. Der Goldraub von 2009 war kein spontaner Impuls – es war ein geplanter, kühler Überfall auf einen Goldtransporter in Köln, der mit mehreren Kilogramm Gold endete und Xatar direkt ins Gefängnis brachte. Acht Jahre Haft. Nicht als Metapher, nicht als Songtext. Als gelebte Realität.

Im Interview schildert Xatar die Tat mit einer Nüchternheit, die einem kalt den Rücken runterläuft. Kein Selbstmitleid, keine Verklärung. Er beschreibt, wie er die Situation eingeschätzt hat, was schiefgelaufen ist und warum er damals keinen anderen Ausweg sah. Was ihn antrieb, war nicht Gier im klassischen Sinne – es war eine Kombination aus finanzieller Verzweiflung, einem Umfeld, das nur eine Sprache kannte, und einem System, das Menschen wie ihn längst abgeschrieben hatte.

"Ich hab im Knast mehr über mich gelernt als in den ganzen Jahren davor. Das war kein Urlaub – aber es war der Wendepunkt."

Die Parallelen zu seiner Musik sind unübersehbar. Xatar rappt nicht über ein Leben, das er sich ausgedacht hat. Er rappt über das, was er erlebt hat – und genau das macht ihn zu einer Ausnahmeerscheinung im deutschen Hip-Hop. Mehr über Xatars erstaunliche Rückkehr ins Musikbusiness und seinen Umgang mit Interpol liest du in unserem ausführlichen Xatar-Interview über HRRR Sound, Interpol und das Rap-Business.

Samys Blickwinkel: Von außen ins Innere

Samy Deluxe war zu diesem Zeitpunkt schon längst einer der etabliertesten MCs Deutschlands. Er kannte Xatar aus der Szene, respektierte sein Talent – und war gleichzeitig fassungslos über das, was passiert war. Im Interview spricht Samy offen darüber, wie er die Nachricht aufgenommen hat, was er damals dachte und wie er Xatars Handeln einordnet.

Samy ist jemand, der immer wieder über die Doppelmoral der Gesellschaft gesprochen hat – über Rassismus, über Chancenungleichheit, über Systeme, die Menschen scheitern lassen. In diesem Interview verbindet er diese Themen direkt mit Xatars Geschichte, ohne dabei zu verharmlosen oder zu romantisieren. Er fragt, was einen Menschen dahin bringt. Er hört wirklich zu. Und genau das macht das Gespräch so wertvoll.

Zwei Perspektiven – eine Wahrheit

Was das Interview so besonders macht, ist die Spannung zwischen diesen beiden Männern. Xatar, der die Tat von innen erlebt hat. Samy, der sie von außen beobachtete. Beide sind Rapper, beide kennen die Straße, beide kommen aus einer Welt, in der Geld und Respekt oft dieselbe Währung sind. Aber ihre Wege waren unterschiedlich – und das führt zu einem Dialog, der nirgendwo ausweicht.

Aspekt Xatars Perspektive Samys Perspektive
Motivation für die Tat Systemversagen, Umfeld, Druck Strukturelle Benachteiligung
Reaktion auf die Verhaftung Akzeptanz, Wendepunkt Schock, Verständnis, Fragen
Sicht auf Knast Schule des Lebens Systemkritik, unnötiger Verlust
Musik als Verarbeitung Zentral, autobiografisch Künstlerische Bewunderung
Verhältnis zu Drogen Teil des Straßenlebens, offen reflektiert Differenzierter Umgang

Drogen, Rap und die Realität der Straße

Cannabis im Kontext von Xatars Leben

Wer Xatars Texte und Interviews kennt, weiß: Cannabis und härtere Substanzen sind kein Tabuthema für ihn. Das ist keine Pose. Das ist Realität. In seinem Milieu war der Umgang mit verschiedenen Substanzen alltäglich – Cannabis als soziales Schmiermittel, als Entspannung nach Stress, aber auch als Teil einer Kultur, die mit dem Rap-Business untrennbar verbunden ist.

Interessant ist dabei, wie Xatar selbst zwischen Cannabis und anderen Substanzen unterscheidet. In verschiedenen Interviews hat er deutlich gemacht, dass er Cannabis als grundsätzlich anders bewertet als die Drogen, die wirklich zerstören. Das deckt sich mit dem, was die Wissenschaft zunehmend bestätigt: Cannabis wirkt primär über das Endocannabinoid-System, bindet an CB1-Rezeptoren im Gehirn und CB2-Rezeptoren im Immunsystem – ein völlig anderer Wirkmechanismus als Opiate oder Stimulanzien. Das Abhängigkeitspotenzial liegt laut aktueller Forschung bei etwa 9 Prozent der regelmäßigen Konsumenten, im Vergleich zu über 30 Prozent bei Heroin.

Mehr zum Thema Cannabis-Deals und Xatars Verbindung zur Legalisierungsdebatte findest du in unserem Artikel über den Xatar Cannabis Deal, den Goldraub-Film und neue Newcomer.

Straßenkultur und Substanzen: Was wirklich dahintersteckt

Das Gespräch zwischen Xatar und Samy berührt – wie so vieles in der deutschen Rap-Kultur – auch das Thema Drogen und ihren Platz in der Community. Beide Männer sind alt genug und haben genug erlebt, um naiv-romantische Sichtweisen hinter sich gelassen zu haben. Sie kennen die Schattenseiten.

Samy, der in seinen Texten immer wieder gesellschaftspolitische Themen aufgreift, hat sich auch zur Drogenpolitik geäußert. Die Prohibition von Cannabis hat seiner Meinung nach mehr geschadet als genutzt – sie hat die Straßenkultur kriminalisiert, ohne die eigentlichen Probleme anzugehen. Eine Position, die immer mehr Wissenschaftler und Politiker teilen. Die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) dokumentiert seit Jahren, wie ineffektiv repressive Drogenpolitik gegen den eigentlichen Drogenkonsum ist.

Die Parallelen zu Sido, der seinen eigenen Kampf mit Kokain öffentlich gemacht hat, sind unübersehbar. Wer tiefer in dieses Thema einsteigen will: Unser Artikel über Sido, Kokain, Scheidung und Therapie zeigt, wie Rap und reale Dramen sich schneiden.

Was das Interview über die Community verrät

Throwback-Interviews wie dieses haben eine besondere Qualität: Sie erlauben Reflexion. Xatar ist heute kein Mann mehr, der sich für seine Vergangenheit schämt – aber er romantisiert sie auch nicht. Er hat 8 Jahre seines Lebens in deutschen Gefängnissen verbracht. Er hat diese Zeit genutzt, um sich künstlerisch, intellektuell und menschlich weiterzuentwickeln. Und er ist rausgekommen und hat eines der erfolgreichsten unabhängigen Rap-Labels Deutschlands aufgebaut.

Das sendet eine Botschaft – nicht die, dass Kriminalität sich lohnt, sondern die, dass Menschen komplexer sind als ihre schlechtesten Entscheidungen. Und dass eine Gesellschaft, die Menschen wie Xatar von vornherein keine Chancen gibt, auch keine moralische Überlegenheit beanspruchen kann, wenn diese Menschen außerhalb des Gesetzes handeln.

Goldraub-Film, Rap-Business und der lange Weg zurück

Von der Zelle zum Filmset

Der Goldraub wurde verfilmt. Xatar hat daran mitgewirkt – nicht als stiller Berater im Hintergrund, sondern als treibende Kraft. Das ist kein Zufall. Es ist die konsequente Weiterführung seiner Haltung: alles, was er erlebt hat, als Rohstoff für Kunst nutzen. Der Film ist kein Glorification-Stück. Er ist ein ehrliches Porträt eines Milieus, das die meisten Menschen nur aus dem Fernsehen kennen – oder aus Rap-Texten.

Dass Xatar trotz allem – oder gerade deswegen – heute eine Respektsperson in der deutschen Rap-Szene ist, sagt viel über diese Szene aus. Es geht nicht um Legenden und Mythen. Es geht um Echtheit. Und die hat einen Preis, den Xatar bezahlt hat.

Xatars Label und die Frage nach dem System

Nach der Haft hat Xatar HRRR Sound aufgebaut – ein Label, das auf Unabhängigkeit setzt, auf künstlerische Kontrolle, auf echte Community statt Konzern-Logik. Das ist eine direkte Reaktion auf ein System, das ihn zuvor zweimal versagt hatte: zuerst das soziale System, das ihm keine Perspektive bot, dann das Musik-Business, das Künstler ausbeutet.

In diesem Kontext ist auch sein Interesse an Cannabis-Projekten zu verstehen. Cannabis ist für viele Rapper nicht nur eine Freizeitsubstanz – es ist ein Business-Thema, ein politisches Statement und ein Symbol für eine Subkultur, die sich immer wieder neu erfinden muss. Die Legalisierungsdebatte, die Deutschland zuletzt bewegt hat, ist für Menschen wie Xatar keine abstrakte Politikdiskussion. Sie ist direkt verbunden mit ihrer Biografie, ihrer Community, ihrer Kultur. Die Position des BfArM zu Cannabis als Medizin zeigt, wie weit Deutschland in dieser Debatte bereits gekommen ist.

Samy Deluxe: Der Zeuge mit Substanz

Samy Deluxe ist nicht der Mann, der nickt und applaudiert. Er ist einer der kritischsten Geister im deutschen Rap – kritisch gegenüber dem System, kritisch gegenüber der Szene, und wenn nötig auch kritisch gegenüber sich selbst. In diesem Throwback-Interview funktioniert er als eine Art moralisches Gegengewicht – nicht im Sinne von Verurteilung, sondern im Sinne von Tiefe.

Er stellt Fragen, die andere nicht stellen würden. Er lässt Pausen entstehen. Er fordert Xatar heraus, ohne ihn vorzuführen. Das ist handwerklich außergewöhnlich gutes Interview-Gespür – und es erklärt, warum das Gespräch so viel mehr ist als ein weiteres Promi-Throwback-Video auf YouTube.

"Wenn du sagst, du hattest keine Wahl – dann frag ich dich: Wer hat dir diese Wahl genommen? Das ist die eigentliche Frage."

Diese Haltung ist typisch für Samy. Er versteht Rap als politisches Instrument. Er sieht Künstler wie Xatar als Spiegel einer Gesellschaft, die lieber wegschaut als hinschaut. Und genau das macht das Interview zu einem Dokument, das über den Hip-Hop hinausgeht – es ist eine Zeitkapsel über Deutschland, über Chancengleichheit, über das, was passiert, wenn ein System Menschen im Stich lässt.

Für alle, die sich für die politische Dimension von Cannabis im deutschen Rap-Kontext interessieren, empfehlen wir außerdem unseren Artikel über Sidos Gespräch mit Karl Lauterbach zur Cannabis-Legalisierung – ein weiteres Beispiel, wie Rap-Künstler gesellschaftspolitische Debatten aktiv mitgestalten.

Wissenschaftlich interessant ist dabei auch, was Forschung über den Zusammenhang zwischen Substanzkonsum, Trauma und sozialer Benachteiligung sagt. Eine Vielzahl von PubMed-Studien belegt, dass Drogenkonsum – auch Cannabis – stark mit sozioökonomischen Faktoren korreliert. Menschen in Armut, mit Diskriminierungserfahrungen und ohne Bildungszugang konsumieren häufiger und riskanter. Das ist keine Entschuldigung – aber es ist ein wichtiger Kontext, den das Interview zwischen Xatar und Samy implizit immer mitschwingt.

Wer außerdem sehen will, wie andere Rapper authentisch über Cannabis und ihr Leben reden, sollte sich unsere Artikel über Greeen im Hotbox-Interview und über King Khalil in der Hotbox anschauen – zwei weitere Stimmen aus dem deutschen Hip-Hop, die zeigen, dass Cannabis in dieser Community längst mehr ist als ein Joint am Wochenende.

Das Throwback-Format funktioniert hier so gut, weil beide Protagonisten die nötige Distanz haben. Xatar blickt auf ein Leben zurück, das er nicht mehr leben will – aber auch nicht verleugnet. Samy blickt auf eine Szene zurück, in der er groß geworden ist – und die sich verändert hat, manchmal zum Besseren, manchmal nicht. Was bleibt, ist ein Gespräch, das man nicht so schnell vergisst. Eines, das Fragen stellt, die weit über den Goldraub von 2009 hinausgehen.

Alle weiteren Videos zu deutschen Rappern, Cannabis-Projekten und den Menschen hinter dem Mikrofon findest du auf unserem Channel: Zum Promis-Channel


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