Sechs Jahre hinter Gittern. Kein Studio, kein Publikum, keine Freiheit – nur Betonwände und die eigenen Gedanken. Xatar, bürgerlich Giwar Hajabi, hat diesen Weg durchgezogen und ist auf der anderen Seite als einer der einflussreichsten Rapper der deutschen Hip-Hop-Geschichte herausgekommen. VICE hat ihn dabei begleitet – und dabei eine der brutalsten und ehrlichsten Dokus über das deutsche Rap-Business überhaupt produziert.
Der Mann hinter dem Mythos: Xatars Geschichte
Vom irakischen Bürgerkrieg in die Bonner Straßen
Giwar Hajabi kommt nicht aus der Rap-Karriere. Er kommt aus einem Leben, das viele Menschen in Deutschland nie auch nur aus der Ferne erleben werden. Als Kind flüchtete seine Familie aus dem Irak, der Krieg war kein abstraktes Konzept – er war Alltag. Bonn wurde zur neuen Heimat, aber Integration bedeutete nicht automatisch Sicherheit, Stabilität oder Chancen. Was folgte, war eine Jugend zwischen zwei Welten: zu fremd für das eine System, zu gefährlich nah am anderen.
Die Straße hat ihre eigene Logik. Wer mit wenig aufwächst und die legalen Wege versperrt sieht – ob durch Rassismus, fehlende Netzwerke oder schlicht Pech – der sucht sich andere Wege. Xatar fand seinen im organisierten Verbrechen. Der spektakuläre Goldraub auf einen Geldtransporter in Düsseldorf wurde zur Lebensgeschichte, die ihn erst berüchtigt und später legendär machte. Nicht romantisiert, nicht verharmlost – sondern als das, was es war: ein Verbrechen mit Konsequenzen.
Der Goldraub und das Urteil
Der Überfall auf den Geldtransport brachte Xatar vor Gericht und anschließend ins Gefängnis. Sechs Jahre Haft – keine Bewährung, kein Deal, kein Entkommen. Was diese Zeit mit einem Menschen macht, ist schwer in Worte zu fassen. Die VICE-Doku versucht es trotzdem, und das ist genau der Grund, warum sie sich von anderem Journalismus unterscheidet. Sie geht rein ins Material, ohne Beschönigung.
Wer sich für die genaue Chronologie des Goldraubs und die Hintergründe aus zwei Perspektiven interessiert, findet bei unserem Xatar & Samy Goldraub Interview – zwei Perspektiven eine detaillierte Aufarbeitung des Falls und seiner Beteiligten.
Musik als Überlebensstrategie
Was Xatar im Knast aufgebaut hat, ist keine Motivationsgeschichte aus dem Business-Podcast. Es ist etwas Reduzierteres und gleichzeitig Kraftvolleres: die Entscheidung, das Handwerk der Sprache zu einem Werkzeug zu machen. Rap war schon vorher in seinem Leben, aber erst in der Haft bekam er eine Funktion, die über Entertainment hinausging. Er wurde zur Verarbeitung, zur Strukturierung von Zeit, zur Identität unter extremen Bedingungen.
"Ich war im Knast, ich hatte nichts außer meinem Kopf. Und der hat angefangen zu arbeiten."
Dieser Satz – sinngemäß immer wieder in verschiedenen Interviews wiederholt – ist der Kern des Xatar-Mythos. Nicht trotz der Haftzeit, sondern durch sie entstand das künstlerische Fundament für alles, was danach kam.
Die VICE Doku: Was sie zeigt und was sie weglässt
VICE International und der deutsche Hip-Hop
VICE hat sich seit Jahren einen Namen damit gemacht, in Subkulturen einzutauchen, die andere Medien meiden. Im deutschen Kontext war der Zugang zu Xatar ein Coup – weil er als Person selektiv ist, wem er was erzählt, und weil seine Geschichte so viele unbequeme Fragen aufwirft, die weder linke noch konservative Narrative bequem unterbringen können.
Die Doku zeigt Ausschnitte aus dem Knastalltag, Gespräche mit Weggefährten und Xatar selbst in einer Phase, in der er beginnt, seinen Weg nach draußen zu planen. Kein geschwärzter Bildschirm, keine dramatische Musik hinter jedem Satz. VICE International – bekannt für Produktionen, die in konfliktreiche Regionen und marginalisierte Communities gehen – gibt diesem Thema die Ruhe, die es verdient.
Besonders interessant ist der Blick auf das Rap-Business, das parallel zur Haftzeit weiterläuft. Xatar versteht früh: Wenn du draußen relevant bleiben willst, musst du drinnen arbeiten. Das Label, die Kontakte, die Musik – alles muss irgendwie am Laufen gehalten werden. Das ist keine Romantisierung des Verbrechens, das ist Geschäftssinn unter widrigsten Bedingungen.
Drogen im deutschen Rap: Die ehrlichere Diskussion
Was in der VICE-Doku mitschwingt – und was in anderen Formaten oft unter den Tisch fällt – ist die Rolle von Drogen und Substanzen im Umfeld des deutschen Hip-Hops. Nicht als Lifestyle-Accessoire, sondern als Teil einer Realität, die für viele Menschen in diesen Communitys ganz konkret ist.
Cannabis spielt dabei eine besondere Rolle. Im deutschen Rap war der offene Umgang mit Weed lange ein Tabu, das gleichzeitig jeder kannte. Künstler wie Sido haben in anderen Kontexten offen über ihren eigenen Drogenkonsum gesprochen – unser Artikel über Sidos Kokain-Geschichte, Scheidung und Therapie zeigt, wie komplex diese persönlichen Kämpfe wirklich sind.
Xatar selbst hält sich in öffentlichen Statements zu Cannabis bedeckt. Was man jedoch sagen kann: Sein unternehmerisches Gespür hat ihn längst in Bereiche geführt, die mit dem legalen Cannabis-Markt in Deutschland zusammenhängen. Mehr dazu im Abschnitt über seine Business-Projekte.
| Zeitraum / Phase | Bedeutung für Xatars Karriere | Relevanz für deutschen Rap |
|---|---|---|
| Vor der Verhaftung | Kriminelles Umfeld, erste Rap-Kontakte | Untergrund-Szene Bonn/NRW wächst |
| Haftzeit (6 Jahre) | Entwicklung als Künstler, VICE-Doku entsteht | Authentizitäts-Debatte im deutschen Hip-Hop |
| Nach Entlassung | Label-Aufbau Alles oder Nix Records, HRRR-Sound | Xatar als Schlüsselfigur der neuen Generation |
| Cannabis-Legalisierung Deutschland | Neue Business-Möglichkeiten im legalen Markt | Rapper werden zu Unternehmern im Cannabis-Sektor |
Die Dokumentations-Methode: Warum VICE hier anders ist
Was VICE von klassischen deutschen TV-Formaten unterscheidet, ist die Bereitschaft zur Nähe ohne Agenda. Öffentlich-rechtliche Produktionen hätten aus dieser Geschichte eine Sozialreportage gemacht – mit Experten-Kommentaren, mahnendem Unterton und dem Subtext: "Seht, was passiert, wenn man kriminell wird." VICE macht das Gegenteil. Sie lassen die Person sprechen.
Das bedeutet nicht Glorifizierung. Es bedeutet Respekt vor der Komplexität. Und genau das ist es, was Zuschauer – auch die, die Xatar als Rapper gar nicht kennen – an diesem Format anzieht. Die Doku ist auf dem offiziellen VICE YouTube-Kanal abrufbar und hat im internationalen Vergleich eine außergewöhnlich starke Resonanz erzielt.
Xatar, Cannabis und das neue Business-Denken im deutschen Rap
Von der Straße zum Unternehmer
Was Xatar nach seiner Entlassung aufgebaut hat, ist bemerkenswert – nicht nur musikalisch. Alles oder Nix Records wurde zu einem der einflussreichsten Independent-Labels Deutschlands. Der HRRR-Sound prägte eine ganze Generation. Und Xatar entwickelte ein Gespür für Märkte, das weit über Rap hinausgeht.
In unserem ausführlichen Stück über Xatars HRRR-Sound, Interpol-Vergangenheit und Rapper-Business beleuchten wir, wie er das Label aufgebaut hat und welche unternehmerischen Prinzipien dahinterstecken. Spoiler: Es hat wenig mit klassischer Musikindustrie zu tun.
Cannabis ist in diesem Kontext kein Randthema. Der deutsche Markt hat sich verändert. Mit der Teillegalisierung sind neue legale Wege entstanden, und Unternehmer mit Street-Credibility und Verständnis für ihre Community haben einen natürlichen Vorteil gegenüber Corporate-Playern, die den Markt von oben erschließen wollen. Xatars Bezug zu dieser Welt ist kein Geheimnis – und er selbst hat begonnen, darüber offen zu sprechen.
Wie ein Cannabis-Deal im Kontext des Goldraub-Films und neuer Talente funktioniert, zeigt unser Artikel über Xatars Cannabis-Deal, Goldraub-Film und Newcomer-Interview – ein Blick auf die wirtschaftliche Seite seiner Post-Knast-Aktivitäten.
Cannabis-Konsum und Kreativität: Was die Wissenschaft sagt
Der Zusammenhang zwischen Cannabis und kreativen Prozessen – in der Musik, im Schreiben, im Flow-State – ist wissenschaftlich komplexer als das Klischee vermuten lässt. THC bindet primär an CB1-Rezeptoren im zentralen Nervensystem, besonders dicht im präfrontalen Kortex, der für Kreativität, Planung und assoziatives Denken zuständig ist. Die Aktivierung dieser Rezeptoren durch THC kann die divergente Denkweise fördern – also die Fähigkeit, ungewöhnliche Verbindungen zwischen Ideen herzustellen.
CBD hingegen wirkt überwiegend als indirekter Modulator, unter anderem über den 5-HT1A-Serotoninrezeptor und Hemmung des Abbaus von Anandamid – dem körpereigenen Endocannabinoid. Eine Studie aus dem Journal of Psychopharmacology (PubMed) untersuchte den Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und verbaler Kreativität und stellte fest, dass niedrige THC-Dosen unter bestimmten Voraussetzungen die Originalität in Assoziationsaufgaben erhöhen können.
Das erklärt nicht, warum Rap-Texte aus dem Knast besonders stark sind. Aber es erklärt, warum Cannabis in kreativen Communities eine so konsistente Rolle spielt – und warum der HRRR-Sound, der tief in einem entspannten, langsamen Flow verwurzelt ist, mit dieser Kultur so eng verwoben ist.
Wer mehr über die Verflechtung von Cannabis-Kultur und Rap-Business im deutschen Kontext verstehen will – auch jenseits von Xatar – sollte sich den Artikel über Massiv und die Growmotion Cannabis-Anlage nicht entgehen lassen. Dort wird deutlich, wie weit das unternehmerische Denken in der Szene bereits ist.
"Cannabis war im deutschen Rap immer da – in den Texten, in den Studios, in der Community. Jetzt ist es auch legal da. Die Frage ist nur, wer die Geschichte dieser Verbindung erzählt."
Was Dokus wie diese für die Cannabis-Debatte bedeuten
Dokus über Rapper im Gefängnis – besonders solche, die mit Drogen-nahen Delikten in Verbindung gebracht werden – haben eine politische Dimension, die oft übersehen wird. Sie zeigen Menschen in einem System, das mit harten Strafen auf Substanzdelikte reagiert, und machen gleichzeitig sichtbar, wie wenig diese Strafen das eigentliche Problem lösen.
Die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) dokumentiert seit Jahren, dass Deutschland bei Cannabisbezogenen Strafverfolgungen im europäischen Vergleich sehr aktiv war – und dass dies überproportional Menschen aus einkommensschwachen und migrantischen Communitys trifft. Xatars Geschichte ist in diesem Kontext kein Einzelfall. Sie ist exemplarisch.
Das deutsche Betäubungsmittelgesetz, das seit Jahrzehnten Millionen von Menschen kriminalisiert hat, die Cannabis konsumierten oder damit handelten, steht durch die Teillegalisierung vor einer fundamentalen Neuordnung. Was das für Menschen bedeutet, die – wie Xatar – in einer Ära aufgewachsen sind, in der der informelle Markt der einzige zugängliche war, ist eine Frage, die weit über Musik hinausgeht.
- ✓Die VICE-Doku ist kostenlos auf YouTube verfügbar – Suche nach "Xatar VICE" oder über den offiziellen VICE-Kanal
- ✓Für Kontext zur Goldraub-Geschichte: das Interview mit Xatar und Samy auf cannabisdoku.de lesen
- ✓Den HRRR-Sound verstehen: Alles oder Nix Records Backkatalog anhören, besonders frühe Releases
- ✓Cannabis und Kreativität: PubMed-Studien zu THC/CB1-Interaktionen und divergentem Denken recherchieren
- ✓Den deutschen Cannabis-Markt verfolgen: BfArM-Berichte zur Regulierung regelmäßig lesen
Eines ist sicher: Dokus wie die von VICE über Xatar im Knast werden in einigen Jahren als Zeitdokumente gelten – als Belege dafür, wie eine Gesellschaft mit Menschen umgegangen ist, die im falschen Markt tätig waren, bevor dieser Markt legal wurde. Das ist kein Freifahrtschein für vergangene Taten. Aber es ist ein notwendiger Kontext für jede ehrliche Auseinandersetzung mit dem Thema.
Wer sich für die breitere gesellschaftliche Debatte interessiert – auch jenseits von Rap – dem sei der Cannabis-Informationsbereich des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) empfohlen, der die rechtlichen und medizinischen Rahmenbedingungen in Deutschland umfassend dokumentiert.
Auf cannabisdoku.de verfolgen wir diese Entwicklungen kontinuierlich – mit dem Fokus auf die Menschen, die in dieser Schnittmenge aus Kultur, Musik und Cannabis-Gesellschaft leben und arbeiten. Zum Promis-Channel für alle weiteren Artikel über deutsche Künstler und ihre Verbindung zur Cannabis-Welt.